Ein leiser Raum

Veröffentlicht am 5. Januar 2026 um 23:01

Ein leiser Raum

Es gibt Gespräche, die nicht geplant sind.
Sie entstehen dort, wo Menschen aufhören, sich zu erklären, und beginnen, sich selbst ernst zu nehmen – nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortung für das, was ihnen anvertraut ist.

 

Dieser Text ist aus einem solchen Raum entstanden.

Der Workshop, aus dem diese Gedanken gewachsen sind, war kein klassisches Seminar und kein Vortrag mit fertigen Antworten. Ausgangspunkt war ein gemeinsames Leseprojekt rund um Der kleine Prinz, aus dem heraus ich eingeladen wurde, mit Frauen über Selbstwert, Verantwortung und innere Haltung ins Gespräch zu gehen. In einem geschützten Rahmen haben wir uns Zitaten genähert – nicht, um sie zu deuten, sondern um uns selbst daran zu prüfen. Es ging um das innere Licht der Frau, um Würde, um Maß und um die stille Frage, wie man viel trägt, ohne innerlich zu zerfallen.

 

Was dann geschah, war ruhig.
Und gerade deshalb tief.

 

Die Frauen begannen, von ihren Rollen zu sprechen. Nicht theoretisch, nicht klagend, sondern sachlich, fast nüchtern. Ehefrau. Mutter. Trägerin des Alltags. Diejenige, die verbindet, ausgleicht, vorausdenkt. Die merkt, wenn etwas aus der Ordnung gerät – oft lange, bevor es sichtbar wird – und versucht, es still wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

 

Viele Rollen wurden genannt.
Und doch ging es nicht um Rollen.

Es ging um das, was sie kosten.

 

Immer wieder kehrte derselbe Gedanke zurück, leise und ohne Anklage: dass so vieles nicht gesehen wird. Nicht gehört. Nicht gewürdigt. Nicht die Aufgaben an sich schmerzen, sondern ihre Selbstverständlichkeit. Denn wer viel trägt, trägt nicht nur äußerlich. Er trägt innerlich. Gedanken, Verantwortung, Entscheidungen, das ständige Abwägen zwischen Pflicht und Maß, zwischen Hingabe und Selbstverlust.

 

Diese innere Arbeit hat keinen Namen.
Und gerade deshalb bleibt sie oft unerkannt.

 

Viele Frauen sagten nicht, dass sie mehr Anerkennung wollen. Sie sagten etwas Tieferes.
Dass sie wahrgenommen werden möchten – als Mensch, nicht nur als Funktion. Als Wesen mit einer inneren Welt, die Ordnung braucht, damit das Äußere nicht zur Last wird.

 

Im Laufe des Gesprächs wurde noch etwas deutlich, das noch stiller war. Mehrere Frauen sprachen davon, dass ihnen manchmal der Blick für das Wesentliche fehlt. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung. Man hält Abläufe aufrecht, erfüllt Erwartungen, trägt Verantwortung – und merkt irgendwann, dass Wichtiges nach hinten gerutscht ist. Nicht, weil es unwichtig geworden wäre, sondern weil man selbst keinen inneren Raum mehr hatte.

 

Hier wurde spürbar: Das eigentliche Problem ist nicht die Vielzahl der Aufgaben, sondern die fehlende innere Ausrichtung. Denn wenn das Innere ungeordnet bleibt, verliert selbst das Gute seine Leichtigkeit, und selbst das Richtige wird schwer.

 

Wir sprachen auch über Geduld und Hingabe. Über Begriffe, die oft hochgehalten werden, ohne sie zu prüfen. Nicht jedes Ausharren ist Reife. Nicht jedes Schweigen ist Stärke. Manches, was lange als Tugend galt, war in Wahrheit Gewohnheit. Und manches, was man als Loslassen bezeichnet, war kein inneres Klären, sondern Müdigkeit.

 

Diese Einsichten waren nicht hart.
Sie waren klar.
Und gerade darin lag ihre Barmherzigkeit.

Denn Verantwortung beginnt nicht dort, wo man alles hinnimmt, sondern dort, wo man die eigene innere Haltung prüft. Wo man sich fragt, aus welcher Absicht heraus man handelt – und ob das Herz noch mitgeht oder längst übergangen wurde.

 

Der Workshop endete nicht mit Lösungen.
Er endete mit Stille.

Mit dem Gefühl, dass etwas an seinen Platz gerückt ist. Nicht vollständig. Aber wahrhaftig.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Veränderung beginnt. Nicht im schnellen Umstellen des Lebens, sondern im Ordnen des Blicks. Wenn sich der Blick klärt, ordnet sich das Innere. Und wenn sich das Innere ordnet, werden Entscheidungen ruhiger. Dann wird nicht alles leicht – aber es wird getragen.

 

Dieser Text ist kein Fazit.
Er ist ein Nachklang.

Für alle, die viel tragen und dabei vergessen, dass auch das Herz Maß braucht.
Für alle, die Verantwortung ernst nehmen und spüren, dass sie ohne innere Ordnung schwer wird.

 

Vielleicht ist es Zeit, nicht lauter zu werden, sondern aufrichtiger.
Nicht mehr zu geben, sondern bewusster.

Still.
Klar.
Und in dem Wissen,
dass Würde kein Lohn ist –
sondern ein anvertrautes Gut.

 

Ülkü M.

 

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