Es gibt Zeiten im Leben, in denen man merkt, dass man nicht mehr laut werden möchte. Nicht, weil man nichts zu sagen hätte – sondern weil das Wesentliche leise geworden ist. Ich stehe am Anfang eines neuen Jahres und spüre: Es ist nicht die Zeit für große Erklärungen, sondern für eine ehrliche innere Ordnung.
Die vergangenen Jahre haben mir vieles gezeigt. Nicht auf einmal, nicht deutlich – eher stückweise, manchmal schmerzhaft, manchmal kaum merklich. Ich habe gelernt, dass nicht jedes Ausharren Sabır ist und nicht jede Hoffnung Hikmet. Manches, was ich Geduld nannte, war bloß ein Festhalten. Und manches, was ich Loslassen nannte, war in Wahrheit Angst.
Mit der Zeit habe ich verstanden:
Sabır bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren.
Teslimiyet bedeutet nicht, alles hinzunehmen.
Und Kader bedeutet nicht, dass der Mensch keine Verantwortung trägt. Der Mensch ist verantwortlich für seine Haltung.
Ich habe lange geglaubt, dass Jahre Dinge heilen. Dass ein neues Jahr automatisch eine neue Leichtigkeit bringt. Heute weiß ich: Jahre verändern nichts. Der Blick verändert alles. Wenn sich der Blick klärt, ordnet sich auch das Innere. Und wenn sich das Innere ordnet, findet der Mensch seinen Weg – selbst durch Ungewisses hindurch.
Manchmal blickt man zurück auf schöne Erinnerungen und glaubt, sie seien ein Beweis dafür, dass alles hätte bleiben müssen. Doch Erinnerungen sind keine Verträge. Sie sind Zeugnisse eines Moments, nicht Garantien für die Zukunft. Ihnen mit Vefa zu begegnen heißt nicht, an ihnen festzuhalten, sondern sie an ihren Platz zu stellen – in Dankbarkeit, nicht in Abhängigkeit.
Ich habe verstanden, dass nicht alles, was zerbricht, verloren ist. Und nicht alles, was bleibt, ist heilsam. Manche Wege führen uns nicht ans Ziel, sondern an uns selbst. Und manche Prüfungen sind keine Strafe, sondern eine Einladung zur Klärung.
Heute suche ich keine schnellen Antworten mehr. Ich suche Istikamet. Einen aufrechten Gang – nicht aus Stolz, sondern aus Verantwortung. Mir selbst gegenüber. Und denen gegenüber, die mir anvertraut sind.
Ich gehe dieses Jahr nicht mit der Erwartung, dass alles leicht wird. Ich gehe es mit der Niyet, mich nicht zu verlieren. Nicht im Schmerz, nicht in der Hoffnung, nicht im Warten. Ich habe gelernt: Wer sich selbst bewahrt, verliert nichts Wesentliches.
Dieser Blog ist kein Ort für fertige Wahrheiten. Er ist ein Raum für innere Bewegung. Für das, was sich ordnet, während man geht. Für Gedanken, die nicht drängen, sondern tragen. Für Gefühle, die nicht laut sind, aber ehrlich.
Vielleicht ist das der eigentliche Anfang:
Nicht zu wissen, wohin alles führt – aber zu wissen, wie man gehen will.
Still. Wach. Und mit einem Herzen, das gelernt hat, sich Allah anzuvertrauen, ohne sich selbst aufzugeben.
Selam 2026.
Ülkü M.
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